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TICT-Talk: Migration im Tourismus
TICT-Talk: Migration im Tourismus

TICT-Talk: Migration im Tourismus

Zwischen Fachkräftemangel und Vielfalt: Migration im Tourismus neu denken 

Wie kann Migration dazu beitragen, den Fachkräftemangel im österreichischen Tourismus zu bewältigen? Wie muss Migration gestaltet sein, damit daraus nicht nur eine kurzfristige Antwort auf fehlende Arbeitskräfte, sondern eine langfristige Chance für die Branche entsteht? 

Mit diesen komplexen Fragen beschäftigte sich der 10. TICT-TALK am 18. September, den wir in Kooperation mit dem Travel Industry Club Tourismus durchgeführt haben.  

Mit Prof. Dr. Nicole Häusler, Professorin an der IU International University of Applied Sciences in Hamburg und Vorstandsmitglied des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT e. V.) in Berlin, sowie Michaela Stanciu, HR Business Partnerin im magdas Hotel Wien und Lehrlingskoordinatorin für magdas Hotel und magdas Essen, konnten wir zwei Expertinnen gewinnen, die das Thema aus wissenschaftlicher Sicht sowie aus der Praxis eines Hotelbetriebes beleuchteten.  

Migration ist längst Teil des Tourismus 

Prof. Dr. Nicole Häusler machte zu Beginn deutlich, dass Migration nicht als Randthema des Tourismus betrachtet werden kann. Sie ist vielmehr bereits ein wesentlicher Bestandteil der Branche. Allein in Österreich entfallen 59 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse auf nichtösterreichische Staatsangehörige.  

Sie arbeiten beispielsweise an der Rezeption, in der Küche, im Service oder in der Reinigung.  

Obwohl Menschen mit Migrationshintergrund im Tourismus gebraucht werden, bedeutet ihre Beschäftigung nicht automatisch Integration oder berufliche Gleichstellung.  

Eine besondere Herausforderung sieht Häusler in den begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten und der fehlenden Anerkennung von Qualifikationen. Denn selbst gut qualifizierte Menschen arbeiten häufig in Positionen am unteren Ende der beruflichen Hierarchie.  

Statt nur nach dem zu fragen, was Menschen am Arbeitsmarkt mitbringen, plädierte Häusler für einen Perspektivenwechsel: 

  • Welche beruflichen Erfahrungen bringen Menschen mit?  
  • Welche Sprachen sprechen sie? 
  • Welche ihrer kulturellen Kenntnisse und Lebenserfahrungen können im Betrieb eingebracht werden? 

 

Gerade in diesen Fragen sieht Häusler große Potenziale für den Tourismus. So kann beispielsweise Mehrsprachigkeit die Kommunikation mit internationalen Gästen erleichtern, während unterschiedliche kulturelle Perspektiven neue Impulse für Service und Gastfreundschaft bringen. Auch in Konfliktsituationen können vielfältige Lebenserfahrungen eine wertvolle Ressource darstellen. Migration ist damit weit mehr als eine Antwort auf den Fachkräftemangel – sie trägt dazu bei, den Tourismus vielfältiger, resilienter und innovativer zu machen. 

 

 

Wie diese Perspektive in der Praxis aussieht, zeigte Frau Prof. Dr. Häusler am Beispiel von Nordthailand. Dort begannen burmesische Migrantinnen mit einer Ausbildung im Tourismus, Stadtrundgänge zum Thema Migration anzubieten. Gemeinsam mit thailändischen Reiseveranstaltern entstanden Angebote, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten vermitteln. So werden sie nicht ausschließlich als Arbeitskräfte gesehen, sondern auch als Wissens- und Erfahrungsträgerinnen. 

Anerkennung beginnt bei der Bezahlung 

Wie wichtig die Anerkennung dieser Kompetenzen auch für die konkrete berufliche Stellung ist, wurde im weiteren Verlauf der Diskussion deutlich. Die Referentinnen verwiesen darauf, dass Ausbildungen und Berufserfahrungen, die Menschen nach Österreich mitbringen, nicht immer entsprechend anerkannt werden. Das führt mitunter zu einer niedrigeren Einstufung und zu schlechterer Entlohnung. Damit stellt sich auch für Betriebe die Frage, wie vorhandene Kompetenzen stärker berücksichtigt werden können und welche strukturellen Hindernisse einer fairen Einstufung entgegenstehen. Die klare Forderung: „Faire Entlohnung bei fairer Arbeit.“ 

 

Wie Integration im Alltag funktioniert 

Wie Integration konkret in einem touristischen Betrieb umgesetzt werden kann, zeigte Michaela Stanciu anhand ihrer Erfahrungen im magdas.  

Der Ansatz des Social-Business-geführten Hotels magdas besteht darin, Menschen mit Fluchterfahrung den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu ermöglichen und ihnen sowie sozial benachteiligten Menschen eine fundierte Ausbildung im Tourismus zu bieten. Dabei werden ihre individuellen Fähigkeiten, Talente, Sprachen und kulturellen Erfahrungen als Ressourcen wahrgenommen und eingebracht. Gemeinsam mit Fachkräften aus der Hotellerie werden sie zu professionellen Gastgeber*innen ausgebildet. 

 

 

Dabei wurde jedoch schnell deutlich: Vielfalt und Zusammenarbeit funktionieren nicht automatisch. Frau Stanciu beschrieb, wie langfristig mit viel Aufklärungsarbeit, Sozialberatung, Workshops und Coaching auf die Herausforderungen reagiert wurde.  

Das Ergebnis sei bemerkenswert: Knapp 50 Mitarbeiter*innen aus rund 20 Ländern arbeiten weitgehend reibungslos zusammen.  

Nicht nur Migration, sondern Integration gestalten 

Am Ende des TICT-Talks stand daher weniger die Frage im Mittelpunkt, ob Österreich Migration im Tourismus braucht, sondern wie diese gestaltet werden kann. 

Denn Migration ist nicht nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel, sondern eine wertvolle Ressource für eine Branche, die von internationalem Publikum und kultureller Vielfalt lebt. 

Link zum Videomitschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=C0HLzx6UF78 

Die TICT-Talks der Naturfreunde Internationale werden im Rahmen von International Partnerships Austria von der Austrian Development Agency gefördert.

International Partnerships Austria